
Weniger Wasser, weniger Dünger, weniger CO2-Emissionen, mehr Effizienz: So wird ab April in Oftringen Salat produziert. Kein Supersalat, kein Wundersalat, einfach nur Salat mit all seinen gewöhnlichen Vor- und Nachteilen. Möglich macht es der Anbau in Hydrokultur.
Es riecht metallisch, die Farben Grau und Braun dominieren die Glashalle in Oftringen direkt neben der Kehrichtverbrennungsanlage. Schwer vorzustellen, dass hier in weniger als einem Monat etwas Essbares wachsen soll. Genau so ist es aber: Die ersten Salatköpfe werden hier ab Mitte März angebaut.
„Ich habe zwar noch nie so ein Glashaus gebaut“, sagt Patrik Forster. Der Verwaltungsratspräsident der P. Forster Holding AG aus Attelwil lässt seinen Blick durch die helle Glashalle schweifen. „Aber ich verfüge über genügend Wissen, um selber die Bauherrschaft zu übernehmen.“ Die enge Zusammenarbeit mit einer belgischen Firma, die Erfahrung in Sachen Hydrokultur mitbringt, gepaart mit dem Innovationswillen von Patrick Forster ergeben eine gute Mischung.
Ein schwarzer Teerstreifen auf der Strasse verrät, dass hier eine Leitung zwischen der Hydrokultur-Halle und der nebenstehenden Verbrennungsanlage eingezogen wurde. Und hier beginnt auch unser Rundgang, denn diese Leitung ist so etwas wie das Kernstück des ganzen Projekts. Ohne die Abwärme der Verbrennungsanlage würde das ganze Projekt keinen Sinn machen. Patrick Forster erklärt: „Die Energie zum Heizen ist zentral. Das Projekt funktioniert nur ohne fossile Brennstoffe, das heisst ohne Öl und Gas. Sonst geht der ganze CO2-Vorteil wieder flöten.“
In drei Jahren von der Idee zur Produktion
Die Zusammenarbeit der „Entsorgung Region Zofingen“ (erzo) mit der Firma Trachsel ist kein Zufall, sondern Kalkül. Er habe viele Firmen angefragt auf seiner Suche nach einem geeigneten Platz mit externer Wärmezufuhr für seine Salatköpfe, sagt Forster. Als er die Parzelle neben der Kehrichtverbrennungsanlage gesehen habe, sei ihm sofort klar gewesen, dass er hier anfragen müsse. Ein Platz im Industriegebiet, abgetrennt durch Verbrennungsanlage im Westen, einem kleinen Bach namens „Mühletych“ im Osten und der Autobahn im Norden. „Hier stören wir niemanden“, so Forster. „Wir waren uns schnell einig mit den Vertretern der erzo.“ Forster zeigt auf die 50 Meter entfernte Verbrennungsanlage auf der anderen Strassenseite. „Dort ist der Rauchgasfilter. Seine Abwärme wurde bislang nicht gebraucht, mit 53 Grad ist sie zu kalt, um sie als Strom ins Netz zu speisen. Für uns aber ist das ideal.“ Die Abwärme für seine Hydrokultur, dafür eine bessere Energiebilanz für die erzo, dies ergab eine klassische Win-Win-Situation.
Wie kam dieser junge Unternehmer überhaupt auf die Idee, mittels Hydrokultur Salatköpfe zu produzieren? „Vor drei Jahren in Holland, als uns ein Lieferant so ein System vorstellte“, antwortet Forster, der als grosser Technik-Fan sofort Feuer und Flamme für die Anbaumethode war. Dann ging alles sehr schnell, vor allem wenn man die unzähligen Bauprojekte der Region in Gedanken durchgeht, die aufgrund von Einsprachen und Beschwerden erst verspätet oder gar nie gebaut wurden. „Ja, es ist alles sehr schnell und gut gegangen“, meint Forster zufrieden. In drei Jahren von der Idee bis zur Produktion von Salatköpfen – das lässt sich sehen.
Vom Sohn das System, vom Vater das Wissen
Forster konnte schon bald einen Deal unter Dach und Fach bringen, der ihm Effizienz versprach. „Das ganze System und die Tische hier“, sagt Forster und blickt über die Vielzahl an grauen Rinnen, „werden von einer belgischen Firma hergestellt und installiert. Und das da hinten“, er unterbricht und zeigt auf einen älteren Mann, „das ist der Vater von demjenigen, der das System herstellt. Ich bin zu seinem Sohn gegangen und habe gesagt: ‘ich kaufe bei dir, wenn dein Vater mir beim Aufbau der ersten Kultur hilft.“ Und so stand der Deal. Das Know-how des Vaters werde ihm noch viel bringen, ist sich Forster sicher. Erfahrungswerte gibt es nämlich noch nicht sehr viele im Bereich der Hydrokultur.
In der hintersten Ecke der Halle hat man einen guten Überblick über das ganze System. „Wenn man genau hinsieht, kann man erkennen dass die Rinnen schräg angelegt sind. So kann das Wasser abfliessen und der Kreislauf schliesst sich.“ Dann noch ein kurzer Blick zur Hintertür hinaus. Dort steht ein grosser, schwarzer Behälter. 1‘800 Kubik Regenwasser fasst dieser. „Kein Tropfen Wasser geht verloren.“ Es klingt etwas gar nach einem Slogan aus der TV-Werbung. Dann führt er aber noch aus: „Maximal 10 Prozent des Wassers für die Produktion müssen wir von der Leitung nehmen. Den Rest fangen wir mit dem Regenwasser-Behälter selber auf.“ Weil das Wasser im geschlossenen Kreislauf immer wieder aufbereitet und neu mit Nährstoffen versetzt wird, ist der Wasserverlust tatsächlich minim. Einzig durch Verdunstung geht ein kleiner Teil des Wassers endgültig verloren und muss neu zugeführt werden.
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Hydrokultur ist eine Form der Pflanzenhaltung, bei der die Pflanzen in einem
anorganischen
Substrat statt in einem
organische Bestandteile enthaltenden
Boden wurzeln. Die Ernährung der Pflanzen erfolgt dabei über eine wässrige
Lösung anorganischer
Nährsalze, das heisst das spezielle Düngergemisch wird direkt dem Wasser zugegeben und erreicht so die Wurzeln. Prinzipiell können fast alle Pflanzen auch in Hydrokultur kultiviert werden. Dabei kommt es allerdings auf die Art an, ob im Vergleich mit herkömmlicher Bodenkultur ein besseres oder nur ein schlechteres Ergebnis erreicht werden kann. Für einen seriösen Vergleich ist immer auch der korrekte Umgang mit Wasserversorgung und Nährlösung notwendig, der anfangs nicht immer problemlos gelingt. Im Allgemeinen treten in Hydrokultur weniger Bodenschädlinge auf, da diese sich in Abwesenheit natürlicher Erde schlecht etablieren können. Gegenüber einer Bodenkultur ist die Kultivierung einzelner Zierpflanzen in Hydrokultur in Anschaffung und Unterhalt teurer: Es werden besondere Pflanzgefässe sowie spezieller Hydrokulturdünger benötigt. |
„Man kann sehr viel falsch machen“
Forster steht nun in einem leeren Bereich im hinteren Teil der Halle. Hier werden die zugekauften Jungpflanzen vorbereitet. Zweimal pro Woche werden sie in Rinnen gepflanzt. Zwölf Pflanzen befinden sich auf einer Rinne, die im Fachjargon „Schiff“ genannt wird. Weil die Pflanzen immer mehr Platz brauchen, je mehr sie wachsen, werden sie nach circa 30 Metern auf zwei Rinnen aufgeteilt. So hat jede Pflanze wieder genügend Platz um weiterzuwachsen. Auch wenn hier vieles automatisch vonstatten geht, so etwa der Wasserkreislauf oder die Fortbewegung der Pflanzen, erstaunt die Aussage, die Forster aus heiterem Himmel macht: „Der Gärtner ist mehr gefordert, als bei der Erdproduktion.“ In dieser fast vollautomatischen Anlage braucht es bessere Gärtner, als draussen auf dem Feld? Was kann man denn hier falsch machen? Forster lacht: „Hier kann man sehr viel falsch machen.“
Das Einbringen der Jungpflanzen und vier bis acht Wochen später die Ernte des ausgewachsenen Salatkopfes sind die typischen Arbeiten, für die es Menschenhände braucht. Aber nicht nur Hand-, sondern auch Kopfarbeit ist gefragt. Der gelernte Gemüsegärtner Patrik Forster wagt den Erklärungsversuch: „Die Wassermenge, die Düngermenge, die genaue Zusammensetzung muss für die Pflanze ganz genau stimmen. Wenn man zuviel Wasser gibt, dann beginnt die Wurzel einfach zu verfaulen. In der Erde dagegen nimmt die Pflanze einfach das auf, was sie kann, der Rest bleibt in der Erde.“ Forster ist sich seiner Sache ziemlich sicher und setzt noch einen drauf: „Kaufen Sie sich einen Salat und pflanzen sie ihn in die Erde. Gleichzeitig versuchen Sie, hier mit Hydrokultur einen Salat aufzuziehen“, sagt er und weist auf einen Stapel der grauen Metall-Rinnen. „Derjenige, den sie im Garten gepflanzt haben, der kommt eines Abends auf den Tisch, nachdem sie vielleicht ein paar braune Ränder abgeschnitten haben. Der andere, den sie nur mit Wasser aufgezogen haben, der wird ihnen kaputtgehen. Da bin ich mir sicher.“
Der ganz normale Salatkopf
Wo so viel Salat zu jeder Jahreszeit produziert werden kann, stellen sich zwei Fragen. Wer kauft den Salat und vor allem: Wie schmeckt so ein Hydrokultur-Salat? Die erste Antwort ist simpel: die Migros. Auf den Geschmack angesprochen, reagiert Forster energisch: „Es ist genau der gleiche Salat!“ Es sei schon von Wundersalat oder Supersalat geschrieben worden. Er verwirft die Hände und lächelt ungläubig. Gegen solche Prädikate wehrt sich der Gärtner vehement. Man müsse einfach mit der Zeit gehen und die Hydrokultur sei der nächste Schritt. Eine andere, ressourcenschonende Anbaumethode, gewiss. Aber mit dem genau gleichen Resultat, mit dem genau gleichen Salat.
Die Hydrokultur hat also Potenzial. Wassermangel ist an einigen Orten auf der Welt ein grosses Thema, besonders im Anbau von Gemüse. In Spanien zum Beispiel kämpft man schon seit längerem mit diesem Problem. Das heisst, der Hydrokultur gehört die Zukunft? „Ja“, sagt Forster. Dann wird es in Zukunft nur noch Hydrokultur geben? „Nein. Es wird immer konventionelle Erdproduktion geben. Wurzelgemüse wie Rüebli oder auch Rosenkohl kann man so nicht anbauen“, erklärt er. „Aber der Wassermangel der Zukunft wird die Hydrokultur weiter fördern.“
„Traktörle war auch schön“
Forster will die konventionelle Anbauart und die Hydrokultur aber nicht gegeneinander ausspielen: „Es ist geregelter, strukturierter“, sagt er, während sein Blick durch die Halle schweift. Die acht Mitarbeitenden werden ganz normale Arbeitszeiten haben. „Du musst dich nicht mehr auf das Wetter einstellen oder in gebückter Haltung arbeiten.“ Und es sei bei weitem nicht alles schlecht gewesen beim Feldanbau. Er schwelgt wohl gerade in Erinnerungen. „Am Morgen bei Sonnenaufgang draussen in der Natur zu sein, das ist sehr schön. Und ein bisschen „traktörle“ war manchmal auch ganz toll“, fügt er schmunzelnd an. „Es ist sind einfach zwei ganz andere Sachen.“
Begeisterung seit Beginn
Aber die Begeisterung für die Hydrokultur ist spürbar. Woher kommt sie? „Ich bin in erster Linie ein Fan von Technik.“ Er besuche oft andere Firmen, um sich ihre Anlagen anzusehen. „Wir können uns mit der Hydrokultur vorerst auch von den Mitbewerbern abheben“, spricht der Unternehmer aus Forster. Dann sind da der ökologische und ökonomische Aspekt. „Viele sagen, etwas kann ökologisch oder ökonomisch sein, aber nicht beides. Das stimmt nicht! Wir produzieren ressourcenschonend und umweltfreundlich und doch effizient. Es kann funktionieren!“ Forster überlegt kurz und versucht dann ein Fazit zu ziehen: „Ich war einfach vom ersten Tag an begeistert und ich muss auch betonen, dass wir mit der Migros von Anfang an einen Abnehmer haben. Ohne Nachfrage geht es nämlich nicht.“